Sep.

14

Spätestens um halb neun krochen heute auch die letzten Crewmitglieder aus den Kojen. Das Frühstück war schon bereit mit Blich auf den Poseidon Tempel . Stefan war sogar schon vor dem Frühstück im Wasser und kam begeistert wieder zurück. Die vielen Fische hatten es ihm angetan.


Und dann war da noch der Wind. Der hatte gestern offensichtlich seinen freien Tag genommen, war heute aber wieder voller Tatendrang. Mit aktuell 25 Knoten aus 20 Grad Nord-Nordwest zeigte er uns ziemlich deutlich: Heute wird gesegelt!
Endlich! Sagte die Crew.
Nach dem Frühstück wurde alles ordentlich segelfest verstaut und dann hieß es: Anker auf Richtung Kea!
Großsegel im ersten Reff, Genua raus – und schon rauschten wir mit ordentlich Schub durch die Ägäis. Später musste Martin sogar noch das Großsegel ins zweite Reff setzen. Bei 25 Knoten Wind war das dann doch ein bisschen zu viel des Guten. Trotzdem machten wir flotte sechs bis acht Knoten Fahrt durch die Wellen.


Für unsere Neuseglerin Susi war die Vorbereitung gestern noch völlig problemlos gewesen. Heute allerdings zeigte die Ägäis, dass sie durchaus ihren eigenen Kopf hat. Der Wellengang und das ständige Auf und Ab des Bootes taten ihr Übriges – Susi wurde zum ersten Opfer der Seekrankheit.
Sie lag da wie ein Häufchen Elend, den Eimer fest im Arm und sagte kein Wort mehr.
Lorenz brachte es irgendwann trocken auf den Punkt:
Das ist ein schlechtes Zeichen.“


Irgendwie musste ich helfen. Also holte ich die Musikbox heraus, drehte die Schlager ordentlich auf und wartete gespannt auf die Wirkung.
Und tatsächlich: Keine Sekunde später stand Susi im Cockpit, sang und tanzte!
Gut, der Eimer kam zwischendurch noch gelegentlich zum Einsatz, aber immerhin war das Lachen wieder da. Stefan kommentierte die musikalische Therapie allerdings ganz lapidar:
Kein Wunder, bei der Musik kann’s einem doch nur schlecht werden!“
Damit war zumindest für allgemeine Erheiterung gesorgt.
So nach und nach verschwanden dann allerdings immer mehr Crewmitglieder in den Kabinen. Leicht gelblich bis grünlich im Gesicht, wurde sich hingelegt und gehofft, dass das Meer sich irgendwann wieder beruhigen würde.
Aber an den Wellengang muss man sich eben auch erst gewöhnen.


Gegen halb drei erreichten wir schließlich die kleine, windgeschützte Bucht von Kea. Stefan, Christine und ich platzierten auf Martins Anweisung noch schnell die Fender, dann parkte unser Skipper souverän rückwärts an der Pier ein.
Mit Unterstützung von Stefan und Johannes war das Boot kurz darauf sicher festgemacht.


Und plötzlich waren sie wieder alle wach.
Normalerweise wäre jetzt Kaffee- und Kuchenzeit gewesen. Aber nach den Strapazen des Vormittags hatte die Crew eindeutig andere Bedürfnisse: etwas Herzhaftes musste her!


Alle – außer dem Skipper.
Der verdrückte nämlich kurzerhand noch den Rest vom Käsekuchen. Jeder hat eben seine eigene Strategie zur Regeneration.
Christine zauberte eine riesige Schüssel griechischen Salat auf den Tisch. Die war allerdings schneller leer, als man „Kali Orexi“ sagen konnte. Kein Wunder, seit dem Frühstück hatte schließlich niemand mehr etwas gegessen.
Da wir direkt an der Pier lagen, konnte nun jeder machen, wonach ihm gerade war.
Christine und Johannes machten sich auf den Weg zum nächsten Strand. Susi, Lorenz und Stefan schlenderten durch das kleine Dörfchen. Werner machte es sich mit seinem Buch gemütlich und der Skipper gönnte sich erst einmal einen wohlverdienten Schönheitsschlaf.


Ich dagegen machte mich zu Fuß auf den Weg zum Supermarkt. Rund zwei Kilometer entfernt sollte es dort alles geben, was wir noch an Kleinigkeiten brauchten.
Der Weg führte wunderschön direkt am Wasser entlang. In einer kleinen Siedlung legten gerade zwei große Fähren an – die Triton und die Hellas Ferry.
Im Dorf bog ich dann allerdings ab und machte mich hinein in die Berge. Immerhin: Im Supermarkt bekam ich tatsächlich alles, was auf meiner Einkaufsliste stand.
Mein Plan war eigentlich, für den Rückweg ein Taxi zu nehmen.
Theoretisch.
Denn die wenigen Taxis, die es dort gab, waren natürlich gerade mit den Fährgästen unterwegs. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Einkäufe zu schnappen und den gesamten Weg wieder zu Fuß zurückzulaufen.
Zwei Kilometer hin, zwei Kilometer zurück – man könnte auch sagen: Ich habe heute nicht nur gesegelt, sondern gleich noch etwas für die Fitness getan.
Zurück an Bord wurden erst einmal die Kühlsachen verstaut. Danach machten wir uns gemeinsam auf, um noch ein bisschen an der Promenade entlangzubummeln.

Stefan hatte inzwischen auch schon ein Restaurant für den Abend ausgesucht.
Um acht Uhr marschierten wir fast im Gänsemarsch in Richtung Manoli Grill.
Der Wirt war ausgesprochen freundlich und nahm unsere komplette Bestellung auf – ohne einen Zettel, ohne Handy, ohne irgendetwas aufzuschreiben.
Wir sahen uns etwas skeptisch an.
Ob das wohl gut geht?
Nicht nur gut – er brachte tatsächlich alles exakt so, wie wir es bestellt hatten. Chapeau!
Und dann kamen die Portionen.
Riesig wäre noch untertrieben. So riesig, dass wir am Ende sogar eine komplette Portion mit nach Hause nehmen konnten.
Nach diesem Tag hätte vermutlich ohnehin niemand mehr etwas dagegen gehabt, am nächsten Morgen gleich wieder davon zu essen.


Einen Spieleabend gab es heute nicht. Dafür waren wir alle einfach zu platt von diesem anstrengenden, aber wunderschönen Segeltag.
Martin und ich spielten immerhin noch drei Runden Backgammon. Das Ergebnis? Sag ich nicht 😉
2:1 für Martin
Ich verbuche das einfach mal unter „Skipperbonus“.
Irgendwie ergab es sich dann, dass Christine und ich schließlich die letzten am Tisch waren. Und wie das manchmal so ist, wenn man eigentlich nur noch kurz zusammensitzen möchte, wurde aus „kurz“ plötzlich ziemlich lang.
Wir plauderten über Gott und die Welt – und merkten irgendwann, dass es fast halb zwei war.
Nach diesem ereignisreichen Tag ging es dann aber wirklich schnurstracks in die Koje.